Kirschkerne

Manchmal verlässt er das Haus, noch bevor sich die Sonne an ihre tägliche Aufgabe erinnert. In aller Frühe öffnet er die hölzerne Eingangstür, geht hinaus in den Platinschatten, geht hinaus in die kühle Luft, in der alle Geräusche überdeutlich nachhallen.

Das Schloß verabschiedet ihn mit dem vertrauten Klack und der Kies knirscht unter seinen Füßen. Er blinzelt kurz, macht sich mit dem neuen Tag vertraut. Er nimmt fast immer den gleichen Weg. Erst hinunter zur der kleinen Anlegestelle und dem Bootswrack mit den blauen Lackresten, die jeden Tag weniger zu werden schienen. Sollte man sich nicht doch seiner annehmen? Die Frage stellt er sich oft. Vielleicht würde er es irgendwann tun. Er hatte genug Zeit, darüber nachzudenken. Genug Zeit. 
Ein paar Meter weiter wechselt der Untergrund, der Kies wird dünner und leiser, bis er schließlich verschwindet. Jetzt riecht er den feuchten Sand, freut sich über die Abwechslung unter seinen Füßen. Er lässt sich von ihm tragen, fast einen ganzen Kilometer lang. Zu seiner linken kann er bereits die ersten Hütten sehen, kleine bunte Quader entlang der Strandpromenade. Eigentlich nur ortstypische Kioskbuden – und doch so viel mehr. Diese meist kaum fünf Quadratmeter großen Miniatursupermärkte tragen ganze Existenzen, ernähren ihre Besitzer, nicht selten ganze Familien oder gar Generationen. Sonnenöl, Mineralwasser, Sicherheitsnadeln, Taschentücher, Eiscreme, Magazine und Zeitungen, die bereits im Neuzustand windzerknittert waren – noch nie hatte man von jemanden gehört, der hier nicht exakt das bekommen hätte, was er brauchte oder meinte zu brauchen.
Es ist kühl an diesem Morgen, kühler als die letzten Tage. Er zieht die dünne Jacke etwas enger. Sie hätte ihm zur wärmeren geraten, er war sicher. Und musste lächeln. Er geht die letzten Schritte nach vorne, wandert um die Grasbüschel, die die Sonne erst getrocknet und schließlich verbrannt hatte, riecht ihre herbe Wut und entscheidet sich deshalb scheinbar unbewusst, nicht auf sie zu treten. 

Auf dem ersten der karamellbraunen Felsen bleibt er stehen, schiebt die Hände tief in die Taschen der viel zu weiten Jeans und sucht den Horizont. Wieder fröstelt er und wieder muss er lächeln. Ja, sie hätte ihm zu einer wärmeren Jacke geraten. Sie hatte einfach zu oft recht. Sie war einfach nach wie vor ein gottverdammter Klugscheißer. Er saugt das Salz in seine Lungen und atmet es langsam wieder aus. Eine Horde aufgebrachter Seeschwalben trampelt und flattert in scheinbar höchster Verwirrung auf einem der Felsvorsprünge, ein Sekundenchaos aus Federn und Schnäbeln. Zwei von ihnen erheben sich in die Luft, scheinbar beauftragt, die Ordnung wieder herzustellen. Es erscheint aussichtslos. Vielleicht gab es überhaupt keine Ordnung? Oder vielleicht brauchte das, was sich da abspielte, überhaupt keine Ordnung und war deshalb so selbstverständlich? Vielleicht war es noch nicht mal ein Chaos? Sicher hätte sie auch darauf eine Antwort gehabt. Diesmal muss er fast laut lachen, wenn er an ihren Gesichtsausdruck denkt. An ihren Gesichtsausdruck, den sie nur dann hat, wenn sie etwas erklären oder in ihrem Sinne richtig stellen muss. Wenn sie klugscheißen konnte. Dann wurden ihre Augen für einen Moment lang ein wenig kleiner, ihr Kopf schiebt sich Millimeter nach hinten, das Kinn wandert ein Stück nach unten. Dann holt sie Luft und … 
Es gab Momente, in denen hatte er das Gefühl, wenn er nicht sofort einen Teil des Glückes ausspucken würde, würde er platzen. Ausspucken wie Kirschkerne, lachend und außer Atem.

In diesen Momenten musste er kurz inne halten, diesen Kloß in seinem Hals wieder unter Kontrolle bringen, sich fangen. Das gelang ihm nicht immer. Vielleicht auch deshalb, weil er sich gar nicht fangen wollte. Er wollte weiter hineinfallen in dieses Gefühl, es auskosten. Oft war es so, dass sich zu diesem Gefühl unmittelbar hunderte von Bildern gesellten. Bilder von ihr, von ihnen beiden. Rotweinwangen; dazu weiche Worte und harte Bandagen, wann immer es etwas Großes verbal zu verteidigen gab. Schlaflosigkeit, Nachtschatten und bodenlose Blödeleien. Autofahrten, Kochexzesse, Wortfetzen und knallende Türen … Wimpern auf dem Kissen, oder auch Krümel … süße Blicke, zerknüllte Briefe, zerknüllte Laken. Schaumschlägereien und endlose Telefongespräche, Diskussionen über Tintenfisch und Tubensenf, über Optimismus und Nebenbuhler, über Kunst, Dämonen und Tölpel, über Krieg, Muskat und Schokolade. Tage, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Nächte, über die er bei Tageslicht gar nicht nachdenken konnte. Es gab Augenblicke, in denen ihr Blick ihn in den Staub warf – und im nächsten wieder aufrichtete. Er tat es ihr gleich. Oder machte es vor. Unzählige Male. 

Lag es eigentlich an diesem karamellbraunen Felsen, dass seine Gedanken mit solcher Zielstrebigkeit zu ihr und ihrem Sein wanderten? War es hier an diesem Ort schon jemals anders gewesen? An irgendeinem der hundert Morgen, die er hier schon verbracht hatte? Nein, es war nicht der Felsen. Es waren nicht die Seeschwalben, die mit ihrem unlogischen Verhalten ihre Erklärungswut geradezu herausgefordert hätten. Es war auch nicht dieser zugegeben unerhört schöne Ort, den sie gewählt hatten. Auch wenn er sicher seinen Anteil trug. Es war nicht mehr und nicht weniger als das Leben, das sie beide gewählt hatten. Es hatte sie aus der Bahn geworfen, ohne Frage. Hatte sie so tief fühlen lassen, dass sich ihre Seelen erschöpft gebogen hatten. Es hatte mit ihnen gespielt, wie rabiater Seewind mit hitzegeplagten Pinien. Hatte sie entblößt und fast gebrochen. Und eine neue Ordnung hergestellt. Ordnung – konnte man in diesem Zusammenhang das Wort Ordnung überhaupt verwenden? Wieder musste er lächeln: Nein, konnte man nicht.
Zugegeben, ihr Schreibtisch war ordentlich. Vollgestellte Tische konnte sie generell nicht leiden. Aber sonst? Nein, Ordnung im herkömmlichen Sinne konnte man in ein Leben mit ihr nicht integrieren. Er hatte auch kein Interesse daran. Vielleicht ähnelten sie beide zu sehr den Seeschwalben. Er schüttelt sich kurz, tritt einen Schritt zurück, spürt, wie sein Herz stolpert. Das tat es immer, wenn sie ihm fehlte. Er pfeift die Hunde zurück und macht sich auf den Rückweg.
Ob sie zwischenzeitlich aufgewacht war? Unwahrscheinlich. Er war sich fast sicher, dass sie noch völlig eins war mit ihrem Schlaf. Einen Großteil des Bettes in ihrem Besitz, wie jede Nacht. Das Gesicht fast verborgen zwischen den Kissen, die Fingerspitzen zuckend. 

Ein Krachen zieht seine Aufmerksamkeit von ihr weg, der erste Farbquader öffnet seine Front. Alfons. Fluchend, lärmend und schnaufend quält er den Bretterverschlag, zwingt ihm die Nacht aus den müden Bohlen. Es gibt bestimmte Verknüpfungen im menschlichen Gehirn, die lassen sich nie mehr löschen. Schwarz und weiß. Erdbeeren und Sahne. Hoch und höher. Er und sie. Alfons und Ciabatta. Ja, er würde Frühstück mitbringen, das beste Ciabatta des Ortes.

Das Brot ist noch warm, als er zurückkehrt, die hölzerne Tür aufschließt. Er muss die Hunde fast fünf Minuten lang bitten und rufen, bis sie sich erbarmen, endlich durch seine Beine hindurch ins Haus zu brettern. Er bedankt sich mit einer liebevollen Drohgebärde, hängt die viel zu dünne Jacke an den Haken und geht direkt in die Küche. Er legt das duftende Ciabatta auf den Tisch, setzt Kaffeewasser auf, füllt die Hundenäpfe und schaltet das Radio an. Ein Klaps links, den Lautstärkeregler kurz bis zum Anschlag, dann ein Klaps auf die Oberseite. Ein Fundstück vom Flohmarkt, genau so alt wie hässlich, kapriziöser als jede Hollywood-Diva. Sie nennt ihn charmant. Als sie ihn entdeckt hatte, hatten ihre Augen geleuchtet, als hätte sie einen Schatz gehoben. Ob es denn so tragisch sei, wenn man sich seinen Stimmungen anpasste, hatte sie gefragt. Und wer denn eigentlich behauptet hat, Dinge müssten mit der Betätigung eines einzigen Schalters sofort funktionieren. Ihm blieb ein touché, wie so oft. Er hatte es nur noch nie zuvor mit soviel Zuneigung dargeboten.

Mit einem Zungenschnalzen gibt er den Hunden die Erlaubnis zur Hausstreife, gießt den Kaffee in den uralten Keramikbecher und geht ins Arbeitszimmer. Mittlerweile ist es kurz vor halb acht, die Sonne hat den rechten Küstenstreifen erreicht, bewegt sich, träge von ihrer eigenen Wärme, entlang der weißen Häuserzeilen. 
Sie liebt diese Zeit des Tages, dieses einzigartige Licht. Trotzdem würde er sie noch eine Stunde schlafen lassen, gerade heute, immerhin standen ihr zwei anstrengende Wochen bevor. Er öffnet zwei der klapprigen Panoramafenster, jeden Tag aufs Neue erleichtert, wenn sie nicht aus dem Kitt kippten. Als er das Chaos sieht, das er gestern auf seinem Schreibtisch hinterlassen hatte, muss er erneut lachen. Er gönnt sich Aufschub bis Mittag. Außerdem hat er Ciabatta, er hat eine Geheimwaffe, mit der sich nahezu jeder Wind aus ihren Segeln nehmen ließ. Er startet den Rechner, stöbert in den täglichen Schlagzeilen, lässt sich treiben, schwimmt von einem Artikel zum anderen. 

Er spürt sie, bevor er sie sieht.
Sekunden später hat er den Duft ihrer Haut in der Nase, ihre Nähe im Bauch. Sie riecht nach Sommer, Aprikosen und Schlaf. Murmelnd und seufzend kriecht sie an seinen Rücken, legt ihre Arme auf seine Schultern, lässt sie nach unten gleiten und schlingt sie um seine Brust. Sie küsst seinen Nacken, schenkt ihm Schauer, ihr Haar kitzelt an seiner Wange, ihr Körper ist bettwarm und weich. Sie haucht ein hey. Und noch immer, auch jetzt noch, springt ihm schier das Herz aus der Brust. 

So verharren sie eine Weile. Bis der Posteingang blinkt. Die Bestätigungsmail mit den endgültigen Ankunftsdaten. Morgen würden die Mädchen wiederkommen. Und fast vierzehn Tage bleiben. Hab’ ich dir eigentlich schon gesagt, dass der erste Abend morgen Damenabend ist, fragt sie, noch immer schlaftrunken. Haben wir so ausgemacht, nur wir Mädels, schiebt sie hinterher. Sie streicht über seine Wange, schnappt sich mit einer für einen verschlafenen Menschen beeindruckender Flinkheit seine Kaffeetasse und tapst barfuss über die knarrenden Holzdielen ins Badezimmer. 

Tausend Kirschkerne suchen ihren Weg aus seinem Inneren nach draußen.

__